26.03.2026

„Für uns stellt KI eine große Chance dar“

CEO Oliver Steil und Aufsichtsratsvorsitzender Ralf W. Dieter sprechen über die Transformation von TeamViewer zum weltweit führenden Anbieter digitaler Arbeitsplatzlösungen. Im Interview erläutern sie, wie künstliche Intelligenz zum Wachstumstreiber wird, welche strategische Bedeutung die 1E-Akquisition hat und die mittelfristigen Wachstumsperspektiven des Unternehmens.

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Author: Hans-Peter Siebenhaar

Der Artikel erschien im Original in FOCUS MONEY Ausgabe 14/2026 (PDF zum Download)

CEO Oliver Steil und Aufsichtsratschef Ralf W. Dieter wollen den Fernwartungsspezialisten Teamviewer zum weltweit führenden Anbieter für Lösungen am digitalen Arbeitsplatz machen. Die Übernahme der Softwarefirma 1E und KI sollen den Konzern aus der Baisse holen.

Es gibt kaum einen PC-Nutzer, der nicht die Fernwartung von Teamviewer kennt. Wohin soll sich Ihr Softwareunternehmen künftig entwickeln?

Steil: Ursprünglich haben wir als weltweit führender Anbieter von Lösungen für den digitalen Arbeitsplatz unseren Kunden dabei geholfen, Rechner reaktiv zu reparieren und zu warten. Heute und künftig noch viel mehr können unsere Kunden mit unserer Plattform den so genannten Endpunkt proaktiv managen, also den Computer, das Handy, die Maschine oder den Roboter, und dort Probleme lösen. Und dies geschieht dank Künstlicher Intelligenz automatisch und autonom. Wir unterstützen Unternehmen dabei, Probleme an Geräten im Büro oder in der Fabrik nicht nur zu erkennen, sondern innerhalb definierter Grenzen eigenständig zu lösen – bevor sie überhaupt spürbar werden. Teamviewer ist als Plattform „made in Europe“ mit seiner innovativen Software stark positioniert an der Schnittstelle von IT-Automatisierung, Künstlicher Intelligenz und sicherer Konnektivität. 

Die künstliche Intelligenz (KI) bedroht die Software-Branche. Denn KI kann auch Computerprogramme schreiben. Wie gefährlich ist diese Entwicklung für Teamviewer?

Steil: Für uns stellt die KI vielmehr eine große Chance dar, sie ist ein klarer Wachstumstreiber. Denn sie macht eine vertrauenswürdige, sichere und steuerbare IT-Infrastruktur noch unverzichtbarer. Die Verbindung zwischen Endpunkten wird immer wertvoller. Mit unserer Plattform sind wir tief in die IT unserer Kunden integriert und haben unser Portfolio kontinuierlich erweitert - zuletzt mit der strategisch wichtigen Übernahme der Softwarefirma 1E und deren KI-Technologien zur automatischen Problemerkennung- und behebung. Unsere KI lernt nun durch monatlich Millionen von TeamViewer-Support-Sessions mit realen Daten stetig dazu, was die autonome Problemlösung immer weiter verbessert. So wird unsere Plattform jeden Tag schneller und selbstständiger. Das ist die Grundlage unseres künftigen Wachstums in einem deutlich vergrößerten Markt für Teamviewer-Lösungen.

Wie verändert KI Teamviewer intern?

 Steil: Wir nutzen KI, um Codes schneller zu generieren. Damit senken wir unsere Kosten, verbessern das Produkt und beschleunigen die Automatisierung. 

Wie sehr ist dieses Modell kopierbar? Wie gefährlich ist Produktpiraterie für Teamviewer?

Steil: Auch wenn man jetzt sehr schnell Code erzeugen kann, kann das Angebot von Teamviewer nur schwer repliziert werden. Unser bereits angesprochener Datenschatz, die tiefe Integration in die IT-Infrastruktur unserer mehr als 635.000 Kunden sowie in das globale Tech-Ökosystem und unsere 20-jährige Top-Reputation beim Thema Cybersicherheit „made in Europe“ sind wichtige Wettbewerbsvorteile in der KI-Ära. Kein Anbieter hat zudem auch nur annähernd unsere installierte Basis. Unser Produkt ist also keine kleine App, die man schnell nachbauen kann.

Sie galten einst als Unicorn in Deutschland. Ihr Unternehmen wurde gefeiert, geliebt und bewundert. Tempi Passati. Warum ist es für Teamviewer so schwer, auf den Wachstumspfad zurückzufinden?

Steil: Die Ausgangslage hat sich nach dem Ende der Corona-Krise deutlich geändert. Wir sind 2019 erfolgreich an die Börse gegangen. Das Thema Fernwartung und Fernsteuerung stand in Covid-Zeiten hoch im Kurs. Das Arbeiten im Homeoffice wurde zur Regel. Unser Service wurde in diesem neuen Ökosystem fast unabdingbar. 

Das war gestern. Und heute?

Ralf Dieter: Wir haben auf das veränderte Wettbewerbsumfeld reagiert, in dem wir neue Produkte entwickelt und erworben haben. Die Übernahme von 1E war nicht nur der größte Zukauf in unserer über 20-jährigen Firmengeschichte, sondern vor allem auch ein Meilenstein, um unsere Marktposition in den USA zu stärken und unser Marktpotenzial im KI-Zeitalter auszubauen. Beim Thema Automatisierung haben wir über alle Industrien hinweg nun große Wachstumschancen.

Doch im vergangenen Jahr hat die Übernahme von 1E nicht gut funktioniert, oder?

Steil: Ja, bei der Integration ist am Anfang nicht alles rund gelaufen, da sind ein paar Fehler passiert. Zudem gab es spezifische externe Faktoren, die kurzfristig das Geschäft gedämpft haben. Der Zollstreit, die Haushaltssperre in den USA - es sind viele Dinge zusammengekommen, die die Investitionsbereitschaft unserer US-Kunden gebremst haben. Und 1E mit dem starken US-Geschäft hat das besonders gemerkt. 

Wann geht es wieder aufwärts bei Teamviewer?

Steil: Wir arbeiten uns Quartal für Quartal wieder nach oben. Am Markt gibt es noch einige Unsicherheitsfaktoren, zudem sind wir mit geringerem Neugeschäft aus dem vergangenen Jahr herausgegangen. Deshalb sind wir für dieses Jahr noch bewusst vorsichtig und erwarten nur ein Umsatzwachstum von bis zu drei Prozent. Mittel- und langfristig streben wir dann aber wieder ein mittleres bis hohes einstelliges Wachstum an. Und hier sind wir wegen unserer guten Positionierung im KI-Zeitalter sehr zuversichtlich.

 War der Kaufpreis von 720 Millionen Euro für 1E viel zu hoch für Teamviewer? Schließlich entspricht er rund einem Jahresumsatz.

Dieter: Natürlich fallen die Bewertungen solcher Unternehmen heute anders aus. Doch zum Zeitpunkt der Übernahme war das ein marktüblicher Preis für ein Unternehmen mit starkem Wachstum und guter Gewinnmarge.

Vor kurzem sind Sie vom MDax in den SDax abgestiegen. Wie bitter ist das für Sie?

Steil: Für die Reputation ist der Abstieg natürlich unschön. Das hätten wir gerne verhindert. Doch der Effekt der Herabstufung wird für unser Unternehmen überschaubar sein, da sie sich wegen der Kursentwicklung abgezeichnet hat. Wir wollen jetzt so schnell wie möglich wieder zurückkommen.

Als Aktionär von Teamviewer muss man die Bereitschaft zum Leiden mitbringen. Ihr Aktienkurs hat sich katastrophal entwickelt. Die Aktie ist nur noch ein Zehntel so viel wert wie vor fünf Jahren. Wie beurteilt der Aufsichtsrat die miserable Aktienperformance?

Ralf Dieter: Über den Aktienkurs ist niemand glücklich. Einige Investoren haben ihrem Unmut auch Ausdruck verliehen. Doch es sind auch externe und nicht nur interne Faktoren, die zu dieser Kursentwicklung geführt haben. Wir selbst leiden im Aufsichtsrat auch unter dem Kursverfall. Ich habe für meine Verhältnisse beispielsweise viele Teamviewer-Aktien gekauft. Doch ich bin überhaupt nicht beunruhigt. Denn das Unternehmen ist margenstark und hat gute Wachstumsaussichten. In diesem Jahr erwarten wir eine Ebitda-Marge von etwa 43 Prozent. Der Bedarf für eine weitere Automatisierung der IT-Landschaften wird deutlich zunehmen.

Bis wann wird die Integration von 1E als Wachstumsmotor von Teamviewer abgeschlossen sein?

Steil: Beim Vertrieb und im Marketing ist die Integration bereits vollzogen. Wir treten gegenüber den Kunden bereits als ein Unternehmen auf. Bei den Produkten kommen wir mit der Integration auch gut voran. Unsere Kunden reichen von Einzelkunden mit zwei Geräten, die pro Jahr 250 Euro zahlen, bis hin zu den größten Konzernen weltweit. Unter den mehr als 635.000 Kunden sind derzeit rund 6000 sehr große Unternehmen.

Plant Teamviewer weitere Unternehmen zu kaufen?

Steil: Kurzfristig steht das nicht an. Für uns geht es primär darum, als globales Tech-Unternehmen am wachsenden Markt des autonomen Endpunkt-Managements eine führende Rolle einzunehmen.

Sie geben sehr viele Millionen Euro für die Werbung des Mercedes-Teams in der Formel 1 und Formel E aus. Ihr Vertrag als Sponsor von Manchester United läuft dieses Jahr aus. Lohnen sich die hohen Sponsorengelder?

Steil: Mit Hilfe des Sportsponsorings haben wir die Marke Teamviewer weltweit deutlich bekannter gemacht. Wir wollten die Marke internationaler positionieren. Das ist uns mit der Formel 1 und mit einem sehr bekannten englischen Fußballklub gelungen. Dadurch sind wir in wichtigen Ländern wie Japan, China und Indien stärker auf den Radar von Unternehmen gekommen. Übrigens Mercedes ist die Partnerschaft mit uns sehr wichtig, weil wir dort alle unsere Lösungen, wie Fernsteuerung von Equipment in der Fertigung, Test-Equipment oder Simulatoren im Einsatz haben. Der Mercedes-Rennstall mit 2000 Mitarbeitern ist zudem ein mittelständisches Unternehmen, das ein ideales Technologieumfeld für uns darstellt, um unsere Produkte einzusetzen.

Dieter: Wir im Aufsichtsrat haben die Marketingstrategie unterstützt. Viele Ziele wurden mittlerweile erreicht. Daher haben wir uns gemeinsam mit dem Vorstand entschieden, den Vertrag mit Manchester United auslaufen zu lassen. Eine starke, global bekannte Marke hilft, überall auf der Welt neue Kunden zu erreichen. Der Formel -1-Partner Mercedes, der TeamViewer intern einsetzt für die Vernetzung der Ingenieure und von Equipment, ist daher ein Glücksfall für das Unternehmen.

Herr Dieter, Sie haben als langjähriger CEO Dürr ein klassisches Maschinenbau- und Anlagenbau-Konzern geführt. Welche Ihrer Industrieerfahrungen bringen Sie bei Teamviewer ein?

Dieter: Die ersten zehn Jahre meiner Karriere war ich in der IT-Branche tätig. Im Maschinen- und Anlagenbau dominiert schon lange die Software. In meiner Zeit bei Dürr habe ich die Digitalisierung des Unternehmens vorangetrieben. Wir haben vernetzte digitale Ökosysteme in Fabriken geschaffen und auch schon früh KI-Anwendungen entwickelt. Dieses Wissen und diese Erfahrungen setze ich bei Teamviewer ein.

 Wenn wir uns in drei Jahren wiedersehen, wo wird Teamviewer stehen?

Steil: Teamviewer wird bis 2028 bei Umsatz und Gewinn stark zulegen. Gemeinsam mit Partnern wie Salesforce oder Microsoft werden wir zeigen, dass unsere KI-Lösungen den Fernzugriff auf Geräte, Betriebssysteme und Arbeitsprozesse über alle Industrien hinweg verbessern. Wir wollen zum Marktführer für autonomes und automatisiertes IT-Management bei den Kunden werden. Unsere Anwendungsfelder werden wir laufend verbreitern, das eröffnet uns ein deutlich größeres Marktpotenzial.

Ihr Vertrag läuft im Jahr 2028. An welchen Zielen wollen Sie sich messen lassen?

Steil: Unsere Ziele sind bekannt. 2026 ist für uns aus den genannten Gründen ein Übergangsjahr. In den Folgejahren werden wir wieder zu mittleren bis hohen einstelligen Umsatzwachstumsraten zurückkehren.

Können Sie es bitte genauer sagen?

Steil: Ich erwarte ein Umsatzwachstum zwischen fünf und neun Prozent bis zum Jahr 2028. 

Werden Sie künftig auch Dividenden zahlen?

Dieter: Unsere Aktionäre sprechen uns eher immer mal wieder auf Aktienrückkäufe an und weniger auf Dividendenausschüttungen. Als Softwarefirma sind wir vor allem ein Wachstumsunternehmen. 

Herr Steil, Sie sind einer der dienstältesten CEOs der Tech-Branche. Was treibt Sie an?

Steil: Was mich motiviert und schon immer motiviert hat, ist die Geschichte von TeamViewer und das Potenzial des Unternehmens. Also wenn man schaut, wo wir uns überall hinein connecten können, was wir unseren Kunden anbieten können und welch breite und globale Kundenbasis wir haben, dann ist das schon eine sehr spannende Aufgabe jeden Tag. Jetzt geht es um die Transformation, um neue Wachstumspotenziale zu heben. Das erfordert von uns allen Fokus und Durchhaltevermögen.

Dieter: Als Aufsichtsratsvorsitzender bin ich davon überzeugt, dass wir jetzt den Weg zu Wachstum vorbereitet haben und ihn nun konsequent beschreiten werden. Unser Vertrauen in den Vorstand, die Wachstumsziele in den nächsten Jahren zu erreichen, ist sehr groß.

Ralf W. Dieter

Seit Oktober 2022 ist der Manager Aufsichtsratsvorsitzender der Teamviewer SE.

 

Von 2006 bis 2021 war er CEO des Maschinen- und Anlagenbaukonzerns Dürr in Bietigheim.

 

Der gebürtige Badener studierte Bauingenieurwesen in Karlsruhe und danach Volkswirtschaft in Freiburg. Danach war der Diplom-Volkswirt für IBM und Carl Zeiss als Manager tätig.

Oliver Steil

Seit 2018 ist er CEO des Softwareunter- nehmens Teamviewer in Göppingen. Der gebürtige Gelsenkirchener brachte im Jahr 2019 den Konzern an die Börse.

 

Zuvor war der studierte Elektrotechnik- Ingenieur Partner beim Finanzinvestor Permira und anschließend CEO bei den Telekommunikationsunternehmen Debitel und Sunrise (Schweiz).

 

Seine Karriere begann Steil bei der Unternehmensberatung McKinsey.